

Hoch oben über den Dächern von Köln leben kleine Spatzen mit großen Träumen.
Zwischen Domspitzen, Rheinwind und alten Gassen entdecken sie, dass Mut manchmal ganz leise beginnt.
Viel Spaß mit dieser Gute-Nacht-Geschichte.
...
Hoch oben auf einem der vielen Dächer von Köln saß der kleine Spatz Piet.
Er saß ganz dicht unter dem großen Himmel.
Unter ihm rauschten die Straßen.
Und in der Ferne glänzte der Rhein wie ein silbernes Band.
Neben Piet hüpfte seine Schwester Lotti.
Sie war ein wenig kleiner.
Und ein wenig vorsichtiger.
„Meinst du, wir trauen uns heute?“ piepste Lotti leise.
Piet blickte hinüber zu den beiden hohen Türmen des Kölner Doms.
Sie ragten wie zwei riesige Finger in den Himmel.
„Heute ist ein guter Tag“, sagte Piet.
„Der Wind ist freundlich.“
Lotti legte den Kopf schief.
Der Wind fühlte sich wirklich weich an.
Fast wie eine warme Decke.
Unter dem Dachfirst bewegte sich etwas.
Ein kleiner, niedlicher Fuchs lugte neugierig zwischen alten Ziegeln hervor.
Er war ganz still.
Nur seine Ohren zuckten ein wenig.
Niemand wusste so genau, warum er hier oben war.
Aber er war da.
Und er hörte den Spatzen zu.
Piet breitete vorsichtig seine Flügel aus.
Sie zitterten ein kleines bisschen.
Nicht vor Kälte.
Sondern vor Aufregung.
„Wenn wir es bis zum Dom schaffen“, sagte Piet, „dann schaffen wir alles.“
Lotti schluckte.
Der Dom war weit weg.
Zumindest fühlte es sich so an.
Unter ihnen fuhr eine Straßenbahn vorbei.
Sie klingelte hell.
Die Menschen unten sahen winzig klein aus.
„Und wenn ich müde werde?“ fragte Lotti.
Piet lächelte.
„Dann fliege ich neben dir.“
Ein älterer Spatz namens Herr Krätzchen landete neben ihnen.
Er hatte graue Federn am Kopf.
Und sehr kluge Augen.
„Wohin des Weges?“ fragte er freundlich.
„Zum Dom“, antwortete Piet stolz.
Herr Krätzchen nickte langsam.
„Der Dom ist hoch.“
„Und der Himmel ist groß.“
„Aber eure Herzen sind größer.“
Lotti spürte, wie etwas Warmes in ihrer Brust wuchs.
Vielleicht war es Mut.
Vielleicht war es Vertrauen.
Vielleicht war es beides.
„Wir probieren es“, sagte sie plötzlich.
Und dann sprang Piet.
Ein Flügelschlag.
Noch einer.
Und noch einer.
Lotti folgte ihm.
Der Wind trug sie.
Er hob sie sanft an.
Die Dächer wurden kleiner.
Der Rhein funkelte heller.
Sie flogen über bunte Häuser.
Über kleine Cafés.
Über lachende Menschen.
Ein paar Tauben schauten erstaunt.
„Wo wollt ihr denn hin?“ gurrte eine.
„Zum Dom“, rief Piet.
„Oh“, sagte die Taube.
„Das ist mutig.“
Lotti spürte, wie ihre Flügel schwerer wurden.
„Piet“, keuchte sie.
„Ich werde langsamer.“
Piet drehte sofort bei.
Er flog ganz dicht neben sie.
„Schau nicht nach unten“, sagte er ruhig.
„Schau nach vorne.“
Vor ihnen ragten nun die beiden großen Türme.
Sie wirkten gar nicht mehr so fern.
Nur noch ein paar Flügelschläge.
Der Wind wurde stärker.
Er wirbelte um die Spitzen.
Lotti schloss kurz die Augen.
„Ich kann das“, flüsterte sie.
Der kleine Fuchs saß inzwischen auf einem Balkon.
Niemand hatte bemerkt, wie er dorthin gekommen war.
Er blickte hinauf.
Sein buschiger Schwanz lag ruhig neben ihm.
Als Lotti die Augen wieder öffnete, war sie fast da.
Nur noch ein letzter Schwung.
Und dann landeten beide auf einem steinernen Vorsprung des Doms.
Ganz oben.
Ganz hoch.
Ganz nah am Himmel.
Lotti atmete tief ein.
„Wir haben es geschafft“, sagte sie leise.
Piet nickte.
Seine Brust hob und senkte sich schnell.
Unter ihnen lag ganz Köln.
Der Rhein schlängelte sich ruhig durch die Stadt.
Die Häuser standen dicht beieinander.
Und irgendwo ganz klein saß Herr Krätzchen auf einem Dach.
Er schaute hinauf.
Und lächelte.
„Es ist wunderschön“, flüsterte Lotti.
Piet sah seine Schwester an.
„Weißt du“, sagte er, „Mut heißt nicht, keine Angst zu haben.“
„Mut heißt, trotzdem zu fliegen.“
Lotti dachte darüber nach.
Der Wind war hier oben stärker.
Aber er fühlte sich nicht mehr bedrohlich an.
Er fühlte sich frei an.
Ein paar andere Spatzen landeten neugierig neben ihnen.
„Seid ihr wirklich von den kleinen Dächern am Rhein gekommen?“ fragte einer.
„Ja“, sagte Lotti.
Und diesmal klang ihre Stimme fest.
Die Sonne begann langsam unterzugehen.
Der Himmel färbte sich orange und rosa.
Die beiden Spatzen rückten näher zusammen.
„Sollen wir zurück?“ fragte Piet.
Lotti nickte.
„Gemeinsam.“
Und so hoben sie wieder ab.
Jetzt fühlte sich der Flug leichter an.
Als hätte der Himmel sie schon ein bisschen besser kennengelernt.
Als sie ihr Dach erreichten, wartete Herr Krätzchen dort.
„Nun?“ fragte er.
Piet grinste.
„Der Himmel ist groß.“
Lotti ergänzte leise:
„Aber wir sind gewachsen.“
Herr Krätzchen nickte zufrieden.
Unter dem Dach bewegte sich erneut etwas.
Der kleine Fuchs gähnte leise.
Er hatte alles gesehen.
Und alles gehört.
Die Stadt wurde ruhiger.
Die Lichter gingen an.
Der Rhein spiegelte die Sterne.
Piet kuschelte sich in sein Nest.
Lotti legte den Kopf unter ihren Flügel.
„Gute Nacht, Dom“, murmelte sie.
„Gute Nacht, Himmel.“
Und hoch oben über den Dächern von Köln schliefen zwei kleine Spatzen ein.
Mit einem großen Gefühl im Herzen.
Und einem stillen Lächeln im Wind.

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Wir wünschen dir ganz viel Spaß beim Lesen oder Anhören.
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