

Jana, die Piratenkönigin, und das stolze Einhorn Lunaris folgen einem geheimnisvollen Flüstern über dem Meer, das sie zu einer besonderen Insel führt.
Dort warten leise Stimmen, vergessene Wünsche und ein Abenteuer, das zeigt, wie wichtig Zuhören und Mut sind.
Viel Spaß mit dieser Gute-Nacht-Geschichte.
...
Der Morgen begann still.
Das Meer lag glatt wie ein Spiegel.
Kein Wind bewegte die Segel.
Kein Vogel rief.
Auf dem Deck stand Jana, die Piratenkönigin.
Sie hielt die Hände auf der Reling und schaute in die Ferne.
Neben ihr scharrte Lunaris leise mit dem Huf.
Sein silbrig weißes Fell schimmerte im ersten Licht des Tages.
Doch etwas war anders.
Lunaris war unruhig.
Er hob den Kopf.
Er spitzte die Ohren.
Und dann schnaubte er leise, fast fragend.
„Du hörst es auch, oder?“, flüsterte Jana.
Sie legte ihre Hand an seinen Hals.
Ein ganz leiser Klang lag in der Luft.
Wie ein Flüstern.
Wie viele kleine Stimmen, die niemand richtig hören konnte.
„Das kommt von dort“, sagte Jana und zeigte nach Osten.
Lunaris nickte langsam.
Also gab Jana den Befehl.
„Segel setzen. Leise Fahrt.“
Das Schiff glitt über das Wasser, als wolle es niemanden stören.
Je näher sie kamen, desto deutlicher wurde das Flüstern.
Es kam von einer Insel.
Sie war von Nebel umhüllt.
Die Bäume wirkten alt und müde.
Und selbst das Meer schien dort langsamer zu atmen.
„Das ist die Insel der leisen Stimmen“, murmelte der Steuermann ehrfürchtig.
„Man sagt, hier landen all die Wünsche, die niemand gehört hat.“
Jana stieg auf Lunaris’ Rücken.
Nur sie durfte das.
Nur sie konnte.
Gemeinsam betraten sie den Strand.
Der Sand war kühl.
Und überall lagen kleine Dinge.
Eine verlorene Mütze.
Ein zerbrochener Kompass.
Ein einzelner Schuh.
„Hier ist viel Kummer“, sagte Jana leise.
Lunaris senkte den Kopf.
Plötzlich huschte etwas zwischen den Felsen hervor.
Ein kleiner Fuchs.
Sein Fell war rötlich und ein wenig zerzaust.
Er blieb stehen und schaute Jana neugierig an.
Dann setzte er sich hin.
Ganz ruhig.
„Hallo, kleiner Freund“, flüsterte Jana.
Der Fuchs wedelte einmal mit dem Schwanz.
Dann verschwand er wieder im Nebel.
„Sogar die Tiere sind hier leise“, sagte Jana.
Sie ritten weiter.
Tiefe im Wald hörten sie es deutlicher.
Ein Schluchzen.
Ein Seufzen.
Ein Zittern in der Luft.
Zwischen alten Bäumen saßen Gestalten.
Kinder.
Piraten.
Seeleute.
Alle wirkten traurig.
„Warum redet niemand?“, fragte Jana sanft.
Eine kleine Stimme antwortete.
„Weil uns niemand zuhört.“
Jana stieg von Lunaris’ Rücken.
Sie kniete sich hin.
„Dann höre ich euch jetzt“, sagte sie ruhig.
Einer nach dem anderen begann zu erzählen.
Von verlorenen Schiffen.
Von Fehlern.
Von Mut, der nicht gereicht hatte.
Von Träumen, die zu leise gewesen waren.
Lunaris trat vor.
Sein Horn begann sanft zu leuchten.
Nicht hell.
Nicht grell.
Nur warm.
Wie Mondlicht.
Die Stimmen wurden ruhiger.
Die Gesichter heller.
„Dein Einhorn kann uns hören“, flüsterte ein Junge.
„Nein“, sagte Jana lächelnd.
„Er erinnert euch daran, dass ihr euch selbst hören müsst.“
Lunaris senkte den Kopf.
Er berührte den Boden mit seinem Horn.
Ein leiser Klang breitete sich aus.
Wie ein Summen.
Wie ein Wiegenlied.
Die Nebel lichteten sich.
Die Insel wirkte plötzlich leichter.
Die Menschen standen auf.
Einer nach dem anderen.
„Was passiert jetzt mit uns?“, fragte jemand.
Jana sah sich um.
„Jetzt nehmt ihr eure Stimmen wieder mit.“
Sie half einem kleinen Mädchen auf.
„Und wenn ihr wieder leise werdet, erinnert euch an diesen Ort.“
Der kleine Fuchs erschien noch einmal.
Er setzte sich neben Lunaris.
Ganz kurz.
Ganz still.
Dann verschwand er.
Als Jana und Lunaris zum Strand zurückkehrten, war die Insel kaum noch zu sehen.
Der Nebel hatte sie wieder eingehüllt.
Doch das Flüstern war verschwunden.
Auf dem Schiff wehte wieder Wind.
Die Segel füllten sich.
„War das Abenteuer vorbei?“, fragte der Steuermann.
Jana lächelte.
„Nein“, sagte sie.
„Es war ein leises.“
Lunaris schnaubte zufrieden.
Er legte den Kopf an Janas Schulter.
Denn auch das stolze Einhorn wusste:
Nicht jedes Abenteuer ist laut.
Manche verändern die Welt,
weil jemand zuhört.
Und so segelten sie weiter.
Die Piratenkönigin.
Das stolze Einhorn.
Und all die Stimmen,
die nun wieder gehört wurden.

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Wir wünschen dir ganz viel Spaß beim Lesen oder Anhören.
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P.S.: Du kannst Onkel Guidos Geschichten auch auf den folgenden Plattformen anhören.