

Eine Gute-Nacht-Geschichte über einen viel zu heißen Schultag, einen unerwarteten freien Nachmittag und darüber, dass die schönsten Abenteuer manchmal genau dann beginnen, wenn niemand mehr damit rechnet.
Viel Spaß mit dieser Gute-Nacht-Geschichte.
...
Es war der heißeste Morgen des ganzen Sommers.
Schon früh hing die Sonne wie eine goldene Laterne über den Dächern.
Die Luft flimmerte über dem Schulhof.
Die Kastanie neben dem Eingang ließ ihre Blätter müde hängen.
Und sogar die Amsel auf dem Fahrradständer sang heute nur ein halbes Lied.
Mia blieb vor dem Schultor stehen und pustete sich eine Haarsträhne aus der Stirn.
„Puh“, sagte sie.
Neben ihr zog Benni seine Trinkflasche aus dem Ranzen und nahm einen langen Schluck.
„Meine Schokolade im Pausenbrot ist bestimmt schon Suppe“, murmelte er.
Mia kicherte.
„Vielleicht hast du ja heute Schokoladensoße auf Brot.“
Benni schaute ernst.
„Das ist eigentlich gar keine schlechte Idee.“
Gemeinsam gingen sie über den Schulhof.
Normalerweise rannten die Kinder morgens durcheinander.
Heute bewegten sich alle langsam.
Sehr langsam.
Fast wie Schnecken mit Schulranzen.
In der Klasse 2b war es nicht viel kühler.
Die Fenster standen weit offen.
Die Vorhänge bewegten sich kaum.
An der Tafel stand mit weißer Kreide:
Heute gut trinken!
Frau Sommer, die Klassenlehrerin, hatte einen großen Krug Wasser auf den Tisch gestellt.
Daneben lagen Becher.
„Guten Morgen, ihr Lieben“, sagte sie freundlich.
„Guten Morgen“, murmelte die Klasse.
Es klang nicht wie ein richtiger Guten-Morgen-Gruß.
Es klang eher wie ein warmer Suppentopf.
Frau Sommer lächelte.
„Na, ihr seht ja aus, als hätte euch die Sonne schon vor der ersten Stunde weich gekocht.“
Da mussten einige Kinder lachen.
Auch Mia.
Sie mochte Frau Sommer.
Frau Sommer konnte streng sein, wenn es nötig war.
Aber meistens hatte sie ein Gesicht, das aussah, als würde gleich eine gute Idee daraus hervorkommen.
Die erste Stunde begann mit Rechnen.
Eigentlich konnte Mia gut rechnen.
Aber heute hüpften die Zahlen auf ihrem Blatt durcheinander.
Aus der acht wurde eine dicke Brezel.
Aus der drei wurde ein halber Schmetterling.
Und die zwei sah aus wie ein Schwan, der lieber schwimmen gehen wollte.
Mia legte den Bleistift hin.
„Frau Sommer?“
„Ja, Mia?“
„Meine Zahlen schwitzen.“
Die Klasse lachte.
Frau Sommer kam zu ihr, schaute auf das Heft und nickte sehr ernst.
„Das sieht tatsächlich nach einem leichten Fall von Zahlenschwitzen aus.“
Benni hob die Hand.
„Mein Kopf schwitzt auch.“
„Meiner auch“, sagte Emma.
„Mein Knie“, sagte Oskar.
Alle sahen Oskar an.
Oskar zuckte mit den Schultern.
„Ist halt so.“
Frau Sommer klatschte einmal leise in die Hände.
„Gut. Dann machen wir jetzt eine Trinkpause.“
Alle Kinder tranken.
Das Wasser schmeckte kühl und wunderbar.
Danach durften sie ihre Hefte schließen.
Frau Sommer holte eine kleine blaue Mappe hervor.
„Ich habe vorhin schon mit Herrn Direktor Krämer gesprochen“, sagte sie.
Sofort wurde es still.
Wenn Erwachsene mit dem Direktor sprachen, bedeutete das meistens etwas Besonderes.
Manchmal eine neue Regel.
Manchmal einen Feueralarm.
Und manchmal, ganz selten, etwas richtig Schönes.
Frau Sommer schaute aus dem Fenster.
Dann sah sie die Kinder an.
„Es sind heute schon über dreißig Grad.“
Ein leises Raunen ging durch die Klasse.
„Und es soll noch heißer werden.“
Benni hielt die Luft an.
Mia spürte, wie in ihrem Bauch ein kleiner Hoffnungsvogel flatterte.
Frau Sommer machte eine winzige Pause.
Dann sagte sie:
„Deshalb gibt es heute nach der vierten Stunde hitzefrei.“
Für einen Moment war es ganz still.
Dann brach Jubel aus.
„Jaaa!“
„Hitzefrei!“
„Wir dürfen früher nach Hause!“
Oskar rief:
„Mein Knie freut sich auch!“
Frau Sommer hob lachend beide Hände.
„Langsam, langsam. Bis dahin bleiben wir ruhig, trinken viel und machen nur noch Dinge, die bei Hitze gut funktionieren.“
„Eis essen?“, fragte Benni hoffnungsvoll.
„Fast“, sagte Frau Sommer.
Sie öffnete die blaue Mappe.
Darin lagen Papierfächer.
Jedes Kind bekam einen.
Auf den Fächern waren noch keine Muster.
„Ihr dürft sie bemalen“, erklärte Frau Sommer.
„Mit allem, was euch kühl macht.“
Mia malte einen See.
Einen großen, blauen See mit kleinen Wellen.
Darin schwamm ein gelbes Gummiboot.
Auf dem Gummiboot lag ein Frosch mit Sonnenhut.
Benni malte eine riesige Eiskugel.
Dann noch eine.
Dann noch eine.
Am Ende war es ein Eisberg aus Erdbeer, Vanille, Schokolade und Pistazie.
Emma malte Schneeflocken.
Oskar malte ein Knie unter einem Sonnenschirm.
Frau Sommer betrachtete es und sagte:
„Ein sehr besonderer Beitrag.“
Nach der zweiten Stunde war große Pause.
Aber auf dem Schulhof wurde heute nicht Fußball gespielt.
Nicht Fangen.
Nicht Gummitwist.
Die Kinder suchten Schatten.
Unter der Kastanie saßen Mia, Benni und Emma auf der Bank.
Die Blätter raschelten leise.
Über ihnen summte eine Biene.
Am Rand des Schulhofs schlich ein kleiner Fuchs hinter den Büschen entlang.
Er war kaum zu sehen.
Nur seine rote Schwanzspitze blitzte kurz zwischen den Blättern auf.
Mia blinzelte.
„Habt ihr das gesehen?“
„Was denn?“, fragte Emma.
„Da war ein Fuchs.“
Benni schaute sofort zu den Büschen.
„Ein richtiger?“
„Ich glaube schon.“
Emma legte den Kopf schief.
„Vielleicht sucht er auch Hitzefrei.“
Mia lächelte.
„Dann hoffe ich, dass er einen schattigen Bau hat.“
Als die Pause vorbei war, gingen alle langsam zurück in die Klasse.
Die dritte Stunde war Vorlesen.
Frau Sommer setzte sich auf ihren Stuhl und schlug ein Buch auf.
„Ihr dürft die Köpfe auf die Arme legen, wenn ihr möchtet“, sagte sie.
Das ließen sich die Kinder nicht zweimal sagen.
Bald lagen viele Köpfe auf vielen Armen.
Frau Sommer las von einem Pinguin, der aus Versehen in der Wüste gelandet war und dort allen Tieren erklärte, wie Schnee sich anfühlte.
Ihre Stimme war ruhig.
Draußen zirpten Grillen.
Irgendwo klapperte ein Fahrrad.
Mia hörte zu und stellte sich Schnee vor.
Weichen Schnee.
Kalten Schnee.
Schnee, der auf der Zunge schmolz.
Fast wäre sie eingeschlafen.
Aber dann klingelte es zur vierten Stunde.
Die letzte Stunde vor dem Hitzefrei.
Jetzt konnte sich kaum noch jemand konzentrieren.
Die Zeiger der Uhr bewegten sich viel zu langsam.
Mia schaute alle paar Sekunden hin.
Benni auch.
Emma ebenfalls.
Sogar Frau Sommer sah einmal zur Uhr und lächelte.
„Ich glaube, heute wartet nicht nur ihr auf den Gong.“
Dann war es endlich so weit.
Der Schulgong klingelte.
So schön hatte er noch nie geklungen.
Alle packten ihre Sachen.
Langsam, aber glücklich.
Frau Sommer stellte sich an die Tür.
„Denkt daran, ihr Lieben: Mütze auf, viel trinken, Schatten suchen und heute nicht in der Mittagssonne herumtoben.“
„Ja, Frau Sommer!“
„Und morgen sehen wir uns wieder.“
„Wenn wir nicht geschmolzen sind“, sagte Benni.
„Dann nehme ich einen Löffel mit“, antwortete Frau Sommer.
Die Kinder lachten und liefen hinaus.
Vor der Schule warteten schon viele Eltern.
Mias Mama stand im Schatten eines Baumes und winkte.
„Hitzefrei!“, rief Mia und rannte zu ihr.
„Das habe ich gehört“, sagte Mama und strich ihr über den Kopf.
„Und weißt du, was ich vorbereitet habe?“
Mia sah sie erwartungsvoll an.
„Wassermelone im Kühlschrank.“
Mias Augen wurden groß.
„Mit kleinen Gabeln?“
„Mit kleinen Gabeln.“
„Und kaltem Sprudelwasser?“
„Auch das.“
Benni, der gerade mit seinem Papa vorbeiging, blieb stehen.
„Wir haben Schokoladensuppe“, sagte er stolz.
Sein Papa lachte.
„Wir nennen es jetzt Schokocreme.“
Zu Hause zog Mia zuerst die Schuhe aus.
Dann stellte sie ihre Trinkflasche in die Küche.
Mama schnitt die Wassermelone in dicke rote Stücke.
Sie setzten sich auf den Balkon, aber nur dort, wo Schatten war.
Die Melone war kühl und süß.
Saft tropfte auf Mias Finger.
„Das ist das beste Hitzefrei der Welt“, sagte Mia.
Mama nickte.
„Manchmal braucht selbst ein Schultag eine kleine Pause.“
Am Nachmittag wurde es noch wärmer.
Die Luft draußen stand still.
Mia baute sich im Wohnzimmer eine Höhle aus Decken und Kissen.
Nicht zu eng, damit es nicht zu warm wurde.
Ihre Stofftiere durften hinein.
Der Hase.
Der Bär.
Der kleine Drache.
Und ganz vorne saß ein Stofffuchs mit rotem Fell.
Mia stellte eine Schale mit Apfelstückchen dazu.
„Für alle, die Hitzefrei haben“, sagte sie.
Dann malte sie ein Bild.
Darauf war die Schule zu sehen.
Die Kastanie.
Frau Sommer.
Die ganze Klasse.
Und hinter den Büschen ein kleiner Fuchs, der mit der Pfote winkte.
Als der Abend kam, wurde die Luft endlich weicher.
Papa öffnete die Fenster.
Ein leichter Wind zog durch die Wohnung.
Mia lag in ihrem Bett und hörte den Vorhang rascheln.
Mama setzte sich zu ihr.
„War es ein schöner Tag?“
Mia nickte.
„Sehr schön. Aber auch sehr heiß.“
„Dann schläfst du bestimmt gut.“
Mia gähnte.
„Ich glaube, die Zahlen schlafen auch schon.“
Mama lächelte.
„Dann lassen wir sie schlafen.“
Draußen wurde der Himmel langsam rosa.
Dann violett.
Dann dunkelblau.
Irgendwo bellte ein Hund.
Ein Auto fuhr leise die Straße entlang.
Und in Mias Kopf tauchte noch einmal der kleine Fuchs vom Schulhof auf.
Vielleicht lag er jetzt in seinem kühlen Bau.
Vielleicht hatte er auch einen Fächer.
Vielleicht träumte er von Wassermelone.
Mia kuschelte sich tiefer in ihr Kissen.
Morgen würde wieder Schule sein.
Vielleicht immer noch warm.
Vielleicht ein bisschen kühler.
Aber heute war heute.
Heute hatte es Hitzefrei gegeben.
Und manchmal war ein früher Heimweg genau das kleine Sommerwunder, das ein Kind gebraucht hatte.
Mia schloss die Augen.
Der Wind strich sanft durchs Zimmer.
Und die ganze Stadt atmete leise auf.
Gute Nacht, heißer Sommertag.
Gute Nacht, kühle Melone.
Gute Nacht, kleiner Fuchs im Schatten.
Und gute Nacht, liebe Mia.

Auf dieser Webseite findest du tolle Geschichten zum Vorlesen für kleine und große Kinder. Entweder einfach zwischendurch zum Entspannen oder abends als „Gute Nacht“-Geschichte, diese kindergerechten Geschichten passen immer.
Wir wünschen dir ganz viel Spaß beim Lesen oder Anhören.
…
P.S.: Du kannst Onkel Guidos Geschichten auch auf den folgenden Plattformen anhören.