Langweilen sich Schnecken eigentlich?

Onkel Guido
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Langweilen sich Schnecken eigentlich?
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Leni ist eine kleine Schnecke mit einem runden Häuschen und sehr neugierigen Fühlern. Als ein Spatz sie fragt, ob ihr beim langsamen Kriechen nicht langweilig wird, beginnt Leni über eine wichtige Frage nachzudenken.

Viel Spaß mit dieser Gute-Nacht-Geschichte.

...

Die kleine Schnecke Leni wohnte unter einem großen grünen Funkienblatt im Garten hinter dem alten Haus.

Dort war es kühl.

Dort war es schattig.

Und wenn es geregnet hatte, tropften winzige Wasserperlen von den Blatträndern direkt vor ihre Haustür.

Leni mochte ihr Zuhause sehr.

Sie mochte auch den Garten.

Die hohen Grashalme.

Die weichen Moospolster.

Die Erdbeerpflanzen mit ihren süßen roten Früchten.

Und den alten Steinweg, der für Menschen ganz normal aussah, für Leni aber wie eine lange Gebirgsstraße war.

Jeden Morgen streckte Leni zuerst den linken Fühler aus.

Dann den rechten.

Dann schaute sie in alle Richtungen und sagte:

„Mal sehen, was der Tag heute für mich bereithält.“

An diesem Morgen wollte Leni zur Vogeltränke kriechen.

Nicht, um darin zu baden.

Das wäre für eine Schnecke ein bisschen viel gewesen.

Aber neben der Vogeltränke wuchs ein besonders zartes Stück Salat.

Leni hatte es gestern entdeckt.

Und seitdem dachte sie daran.

Also machte sie sich auf den Weg.

Langsam.

Sehr langsam.

Ein Stückchen vor.

Eine kleine Pause.

Noch ein Stückchen vor.

Wieder eine Pause.

Über ihr flatterte plötzlich ein Spatz auf den Gartenzaun.

Er hieß Fips und war fast immer in Eile.

Fips hüpfte nach links.

Dann nach rechts.

Dann wieder nach links.

„Guten Morgen, Leni!“, rief er.

„Guten Morgen, Fips“, sagte Leni freundlich.

Fips legte den Kopf schief.

Er sah Leni an.

Dann den Weg vor ihr.

Dann wieder Leni.

„Sag mal“, fragte er, „langweilen sich Schnecken eigentlich?“

Leni blieb stehen.

Nicht nur ein bisschen.

Ganz.

Wie meinst du das?“, fragte sie.

Fips flatterte auf einen Blumentopf.

„Na ja, ihr seid so langsam unterwegs. Wenn ich zum Apfelbaum möchte, fliege ich einfach hin. Schwupp, schon bin ich da. Aber du brauchst ja ewig.“

Leni schaute nach vorn.

Die Vogeltränke war noch weit entfernt.

Sehr weit.

Dann schaute sie zurück.

Ihr Funkienblatt war ebenfalls schon ein gutes Stück entfernt.

„Hm“, sagte Leni.

Fips hüpfte ungeduldig.

„Also? Ist dir nicht langweilig?“

Leni wusste nicht sofort, was sie antworten sollte.

War ihr langweilig?

Sie dachte nach.

Beim Denken wackelten ihre Fühler ein kleines bisschen.

„Ich weiß es nicht“, sagte sie schließlich. „Ich habe noch nie darüber nachgedacht.“

Fips piepste überrascht.

„Noch nie?“

„Nein“, sagte Leni. „Ich war bisher immer mit Gehen beschäftigt.“

Fips lachte.

„Mit Gehen beschäftigt? Das ist lustig.“

Dann flatterte er davon.

„Ich frage dich später noch mal!“, rief er.

Leni kroch weiter.

Aber jetzt war die Frage mit ihr unterwegs.

Langweilen sich Schnecken eigentlich?

Sie kroch an einem Grashalm vorbei.

An diesem Grashalm hing ein Tautropfen.

Leni blieb stehen.

Der Tropfen war rund und klar.

In ihm spiegelte sich der ganze Garten.

Das Fachwerkhaus.

Der Apfelbaum.

Ein Stück Himmel.

Sogar Leni selbst, ganz klein und kopfüber.

„Oh“, flüsterte sie. „Das hätte Fips gar nicht gesehen.“

Sie betrachtete den Tropfen lange.

Dann kroch sie weiter.

Ein paar Zentimeter später entdeckte sie eine Ameisenstraße.

Viele Ameisen liefen hin und her.

Jede trug etwas.

Ein Körnchen Erde.

Ein Stück Blatt.

Eine winzige Krume vom Frühstück der Kinder.

Eine Ameise blieb kurz stehen.

„Guten Morgen, Leni“, sagte sie.

„Guten Morgen“, antwortete Leni. „Habt ihr viel zu tun?“

„Immer“, sagte die Ameise und lachte. „Aber heute duftet der Garten nach Regen. Das macht die Arbeit leichter.“

Leni roch vorsichtig.

Die Ameise hatte recht.

Die Erde duftete dunkel und weich.

Nach Nacht.

Nach Wurzeln.

Nach geheimen Gängen unter der Wiese.

Leni kroch weiter.

Nicht schnell.

Aber aufmerksam.

Unter einem Blatt hörte sie ein leises Rascheln.

Dort saß ein Marienkäferkind und zählte seine Punkte.

„Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben“, murmelte es.

Dann begann es wieder von vorn.

„Ich komme immer durcheinander“, sagte es traurig.

Leni lächelte.

„Soll ich mit dir zählen?“

Gemeinsam zählten sie langsam.

Sehr langsam.

Genau richtig für Punkte.

Als sie fertig waren, strahlte das Marienkäferkind.

„Sieben!“

„Siehst du“, sagte Leni. „Sieben schöne Punkte.“

Das Marienkäferkind flatterte glücklich davon.

Leni kroch weiter.

Die Sonne wanderte höher.

Ein warmer Lichtfleck lag auf dem Steinweg.

Leni wartete am Rand.

Für einen Spatz wäre der Lichtfleck kein Problem gewesen.

Für Leni war er ein heißer Platz, über den sie nicht einfach so hinwegkonnte.

Also machte sie Pause.

Neben ihr wuchs eine kleine blaue Blume.

„Wartest du auch?“, fragte Leni.

Die Blume nickte im Wind.

„Ich warte darauf, dass eine Biene kommt.“

„Ist das nicht langweilig?“, fragte Leni.

Die Blume schaukelte sanft.

„Nein. Ich höre dem Garten zu.“

Leni lauschte.

Zuerst hörte sie nichts Besonderes.

Dann hörte sie mehr.

Das Summen einer Biene in der Ferne.

Das Knarren des Gartentors.

Das Plätschern von Wasser in der Vogeltränke.

Das leise Schnaufen des Dackels Gerd, der im Schatten schlief.

Und irgendwo, ganz oben im Apfelbaum, sang Fips sein schnelles Spatzenlied.

Leni musste lächeln.

Als der Lichtfleck weitergezogen war, kroch sie über den Steinweg.

Dort war es noch warm, aber nicht mehr zu heiß.

Schließlich erreichte sie die Vogeltränke.

Neben ihr stand tatsächlich das zarte Stück Salat.

Frisch.

Grün.

Knackig.

Leni nahm einen kleinen Bissen.

Dann noch einen.

Es schmeckte nach geschafft.

Nach Geduld.

Und ein bisschen nach Abenteuer.

In diesem Moment landete Fips wieder auf dem Rand der Vogeltränke.

„Da bist du ja endlich!“, rief er.

„Ja“, sagte Leni zufrieden.

„Und?“, fragte Fips. „Hast du dich unterwegs gelangweilt?“

Leni dachte an den Tautropfen.

An die Ameise.

An das Marienkäferkind.

An die blaue Blume.

An den Duft der Erde.

An das Lied des Gartens.

Dann schüttelte sie langsam den Kopf.

„Nein“, sagte sie. „Ich glaube, Schnecken langweilen sich nicht so leicht.“

Fips blinzelte.

„Warum nicht?“

Leni schaute zum Gartenweg zurück.

Ihre silberne Spur glitzerte im Sonnenlicht.

„Weil wir unterwegs so viel entdecken.“

Fips sah auf den Weg.

Dann auf Leni.

Dann auf den Tautropfen am Grashalm, den er vorher gar nicht bemerkt hatte.

Er wurde still.

Für einen Spatz war das etwas Besonderes.

„Vielleicht sollte ich auch mal langsamer unterwegs sein“, sagte er.

Leni lächelte.

„Du kannst ja klein anfangen.“

Fips hüpfte ganz langsam einen Schritt nach links.

Dann einen Schritt nach rechts.

Dann grinste er.

„Das ist schwieriger, als ich dachte.“

Am Abend kroch Leni zurück zu ihrem Funkienblatt.

Der Weg dauerte lange.

Aber das machte nichts.

Der Himmel wurde rosa.

Die Grashalme warfen lange Schatten.

Und Leni fühlte sich ruhig und glücklich.

Unter ihrem Blatt angekommen, zog sie die Fühler ein wenig ein.

„Langsam sein ist gar nicht langweilig“, murmelte sie.

Dann kuschelte sie sich in ihr Schneckenhäuschen.

Draußen sang Fips leiser als sonst.

Vielleicht übte er gerade das Langsamsein.

Und Leni schlief ein.

Mit einem Lächeln.

Und mit dem schönen Gefühl, dass man nicht immer schnell sein muss, um viel zu erleben.

Hallo, ich bin Onkel Guido
… ich komme aus dem schönen Köln, bin selbst Vater und seit neustem auch Opa. :) Auf dieser Seite findest du Geschichten für Kinder und Erwachsene. Schön, dass du da bist!
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