

Nach der Reise zur Wolkenbrücke ruft diesmal etwas Tiefes und Ruhiges aus der Ferne.
Ein alter Berg hütet ein Geheimnis, das nur leise Herzen hören können.
Viel Spaß mit dieser Gute-Nacht-Geschichte.
...
Am Morgen nach der Wolkenbrücke war die Welt ungewöhnlich still.
Kein Wind bewegte die Bäume.
Keine Wolke zog über den Himmel.
Sogar die Vögel sangen heute leiser.
Prinzessin Sora bemerkte es zuerst.
Sie stand am Fenster und lauschte.
„Hört ihr das?“ flüsterte sie.
Mira trat neben sie.
„Ich höre nichts.“
Sora nickte sanft.
„Genau das meine ich.“
Auch Leni kam dazu.
Der kleine Spatz saß auf ihrer Schulter und legte den Kopf schief.
Die Stille fühlte sich nicht leer an.
Sondern wartend.
Wie ein Atemzug vor einem Geheimnis.
In der Ferne lag der große Berg hinter dem Königreich.
Er war alt.
Sehr alt.
Niemand wusste genau, wie alt.
Man erzählte sich, dass er sprechen könne.
Aber nur ganz selten.
Und nur zu denen, die wirklich zuhörten.
Mira spürte ein warmes Ziehen in ihrer Tasche.
Der runde Stein begann sanft zu glühen.
„Ich glaube, wir sollen dorthin“, sagte sie leise.
Niemand widersprach.
Wenig später liefen die drei Prinzessinnen über die stillen Wiesen.
Das Gras raschelte kaum unter ihren Füßen.
Selbst der Bach am Weg plätscherte heute leiser.
Am Waldrand wartete bereits ein kleiner, kupferfarbener Fuchs.
Er stand ganz ruhig da.
Als hätte er sie erwartet.
„Kommst du mit?“ fragte Leni freundlich.
Der Fuchs blinzelte.
Dann lief er voraus.
Der Weg zum Berg war länger als sonst.
Oder vielleicht fühlte er sich nur länger an, weil alles so still war.
Als sie den Fuß des Berges erreichten, wurde die Luft kühler.
Aber nicht unangenehm.
Eher ruhig.
Schützend.
Ein schmaler Pfad führte nach oben.
Die Prinzessinnen stiegen langsam hinauf.
Schritt für Schritt.
Ohne Eile.
Je höher sie kamen, desto mehr fühlte es sich an, als würde der Berg sie bemerken.
Nicht mit Augen.
Sondern mit etwas Tieferem.
Ganz oben fanden sie eine kleine Höhle.
Rund wie ein Tor.
Dunkel, aber nicht furchteinflößend.
Der Fuchs setzte sich davor.
Ganz still.
Mira nahm ihren warmen Stein in die Hand.
Er leuchtete nun deutlich heller.
Sora trat einen Schritt vor.
„Wir sind da“, sagte sie leise in die Höhle hinein.
Zuerst geschah nichts.
Nur Stille.
Tiefe, weiche Stille.
Dann kam ein Ton.
Sehr tief.
Sehr ruhig.
Wie das ferne Summen der Erde.
Die Höhle begann schwach zu schimmern.
Goldenes Licht floss über die Wände.
Und eine warme Stimme, alt wie die Zeit, flüsterte:
„Willkommen, kleine Herzen.“
Leni hielt den Atem an.
Mira drückte den Stein sanft an sich.
Sora lächelte ruhig.
„Warum hast du uns gerufen?“ fragte sie leise.
Der Berg antwortete langsam.
Als hätte jedes Wort Gewicht.
„Viele kommen zu mir mit Lärm im Herzen.“
„Ihr kommt mit Stille.“
Das Licht wurde wärmer.
„Doch selbst stille Herzen tragen manchmal Sorgen.“
Mira dachte nach.
Dann sagte sie ehrlich:
„Manchmal habe ich Angst, dass ein Abenteuer schiefgeht.“
Leni flüsterte:
„Ich habe Angst, dass jemand traurig bleibt.“
Sora sagte ganz leise:
„Ich habe Angst, nicht genug zu sein.“
Die Höhle wurde still.
Sehr still.
Dann floss das goldene Licht sanft um sie herum.
Warm wie eine Umarmung.
Die Stimme des Berges sprach:
„Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben.“
„Mut bedeutet, trotzdem weiterzugehen.“
Das Licht berührte Miras Stein.
Er begann ruhig zu leuchten.
„Mitgefühl bedeutet nicht, alle Traurigkeit zu lösen.“
„Sondern bei jemandem zu bleiben.“
Der Spatz auf Lenis Schulter zwitscherte leise.
„Und genug zu sein beginnt dort …“
Das Licht legte sich sanft um Soras Herz.
„… wo man aufhört, sich zu vergleichen.“
Tränen standen in Lenis Augen.
Aber sie fühlten sich warm an.
Nicht traurig.
Die drei Prinzessinnen standen ganz still.
Und in dieser Stille wurde etwas in ihnen leichter.
Als hätte der Berg einen schweren Stein fortgetragen.
Nach einer Weile wurde das Licht sanfter.
Die Stimme flüsterte ein letztes Mal:
„Kommt wieder, wenn eure Herzen zuhören möchten.“
Dann wurde es ruhig.
Ganz ruhig.
Nur die Höhle blieb warm.
Wie eine Erinnerung.
Die Prinzessinnen traten hinaus ins Abendlicht.
Der Himmel leuchtete golden über dem Königreich.
Der kleine Fuchs sprang leichtfüßig den Pfad hinunter.
Mira atmete tief ein.
„Ich fühle mich mutiger“, sagte sie leise.
„Ich mich weicher“, flüsterte Leni.
Sora lächelte.
„Und ich mich genug.“
Gemeinsam gingen sie zurück zum Schloss.
Langsam.
Still.
Geborgen.
In dieser Nacht schliefen sie besonders ruhig.
Denn tief in ihrem Herzen klang noch immer das leise Flüstern des Berges.
Warm.
Sanft.
Und beschützend.
Bis der Schlaf sie wie eine weiche Decke umhüllte. 🌙

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Wir wünschen dir ganz viel Spaß beim Lesen oder Anhören.
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