

Nach der Nacht im leuchtenden Wald beginnt ein neuer Morgen voller stiller Wunder.
Doch diesmal ruft kein Wind, sondern etwas viel Sanfteres.
Viel Spaß mit dieser Gute-Nacht-Geschichte.
...
Der Morgen kam ganz leise über das Königreich Sonnenfels.
Die ersten Sonnenstrahlen legten sich wie warme Decken auf die Dächer der Türme.
Alles war still.
Nur die Vögel flüsterten schon miteinander.
Prinzessin Mira wachte als Erste auf.
Sie spürte sofort dieses besondere Kribbeln im Bauch.
So fühlte es sich immer an, wenn ein neuer Tag ein Geheimnis bereithielt.
Sie setzte sich aufrecht hin.
Der warme Stein lag noch immer in ihrer Tasche vom Abend zuvor.
Er war heute ein kleines bisschen heller.
„Das bedeutet bestimmt etwas“, murmelte sie.
Nebenan schlief Prinzessin Leni noch tief und fest.
Zwei Igel hatten sich dicht an ihre Füße gekuschelt.
Der Spatz saß auf dem Fensterbrett und wartete geduldig.
Prinzessin Sora war schon wach.
Sie saß still am offenen Fenster.
Die Morgensonne spiegelte sich in ihren Augen.
„Der Wald ruft heute nicht“, sagte sie leise.
„Aber etwas anderes.“
Mira trat neben sie.
„Woher weißt du das?“
Sora lächelte nur sanft.
„Es fühlt sich an wie ein Flüstern ohne Worte.“
Da klopfte es ganz vorsichtig an die Tür.
Nicht laut.
Eher wie ein Tropfen Regen.
Leni öffnete verschlafen.
Vor der Tür stand niemand.
Doch auf dem Boden lag etwas.
Eine kleine Feder.
Sie schimmerte silbern im Licht.
Der Spatz flatterte sofort herbei.
Er stupste die Feder an.
Dann sah er die Prinzessinnen aufgeregt an.
„Sie gehört nicht zu einem Vogel aus unserem Garten“, sagte Leni erstaunt.
Mira nahm die Feder vorsichtig in die Hand.
Sie war warm.
Fast so warm wie ihr Stein.
„Vielleicht ist das eine Einladung“, sagte sie.
Sora nickte langsam.
„Aber diesmal nicht in den Wald.“
„Wohin dann?“ fragte Leni.
In diesem Moment zog ein heller Schatten über den Boden des Flures.
Ganz lautlos.
Wie ein vorbeiziehender Gedanke.
Die drei Prinzessinnen liefen zum Fenster.
Hoch oben am Himmel glitt ein großer, weißer Vogel durch die Luft.
Seine Flügel funkelten im Sonnenlicht.
Und für einen kurzen Moment sah es so aus, als würde er sich nach ihnen umdrehen.
Dann verschwand er hinter den Hügeln.
„Wir müssen ihm folgen“, flüsterte Mira.
Niemand widersprach.
Wenig später liefen sie barfuß über die taunassen Wiesen.
Das Gras kitzelte zwischen ihren Zehen.
Die Welt roch nach neuem Tag.
Am Rand der Hügel blieb Leni plötzlich stehen.
„Schaut mal dort.“
Zwischen zwei Steinen führte ein schmaler Pfad hinunter.
Er war vorher noch nie da gewesen.
Mira grinste.
„Ich mag neue Wege.“
Sie gingen langsam hinab.
Der Pfad führte zu einem kleinen, verborgenen Tal.
Dort lag ein See.
Ganz ruhig.
So glatt wie ein Spiegel.
Und mitten auf dem Wasser schwamm eine einzelne weiße Feder.
Genau wie die in Miras Hand.
Sora kniete sich ans Ufer.
„Der See wirkt traurig“, sagte sie leise.
Da raschelte es im hohen Gras.
Ein kleiner, kupferfarbener Fuchs trat hervor.
Er setzte sich dicht neben Leni.
Ganz selbstverständlich.
Als würde er schon lange zu ihnen gehören.
„Hallo du“, flüsterte Leni.
Der Fuchs blickte zum See.
Dann wieder zu den Prinzessinnen.
Mira verstand sofort.
„Etwas fehlt hier“, sagte sie.
Der Wind strich sanft über das Wasser.
Doch keine Welle entstand.
Alles blieb still.
Zu still.
Sora tauchte vorsichtig ihre Fingerspitzen in den See.
Kreise breiteten sich aus.
Ganz langsam.
Und plötzlich begann das Wasser leise zu leuchten.
Nicht hell.
Nur wie ein sanfter Atem aus Licht.
Die Feder auf dem Wasser bewegte sich.
Sie drehte sich einmal.
Dann noch einmal.
Und begann zu sinken.
Leni hielt den Atem an.
„Geht sie verloren?“
Doch genau in diesem Moment geschah etwas Wunderbares.
Unter der Wasseroberfläche erschien ein Schimmer.
Wie ein verborgenes Herz aus Licht.
Die sinkende Feder berührte es.
Und der ganze See begann warm zu leuchten.
Goldene Wellen liefen bis ans Ufer.
Der kleine Fuchs wedelte langsam mit dem Schwanz.
Als hätte er genau darauf gewartet.
Sora lächelte.
„Der See war nicht traurig“, sagte sie.
„Er hat nur geschlafen.“
Mira nickte.
„Und wir haben ihn geweckt.“
Leni setzte sich ins Gras.
Der Spatz landete auf ihrer Schulter.
Alles fühlte sich ruhig an.
Vollständig.
Über ihnen erschien wieder der große weiße Vogel.
Er zog einen weiten Kreis.
Diesmal klang sein Ruf hell und froh.
Dann flog er weiter in den Himmel hinein.
Der See glitzerte noch lange.
Bis das Licht langsam weicher wurde.
Die Prinzessinnen machten sich auf den Heimweg.
Niemand hatte es eilig.
Der kleine Fuchs begleitete sie ein Stück.
Dann blieb er stehen.
Er setzte sich hin.
Und sah ihnen nach.
Mira winkte ihm.
„Bis bald, kleiner Freund.“
Der Fuchs blinzelte ruhig.
Als wüsste er, dass sich ihre Wege wieder kreuzen würden.
Am Schloss angekommen, war der Tag schon hell geworden.
Doch in ihren Herzen blieb dieses leise Morgenlicht.
Warm.
Sanft.
Und voller neuer Geheimnisse.
Am Abend würden sie wieder einschlafen.
Mit dem Gefühl, dass die Welt still über sie wacht.
Und dass irgendwo da draußen schon das nächste Wunder wartet.
Ganz geduldig.
Bis morgen. 🌙

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Wir wünschen dir ganz viel Spaß beim Lesen oder Anhören.
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