Spinne Berta-Kunigunde & die vielen Netze

Guido Heller
Guido Heller
Spinne Berta-Kunigunde & die vielen Netze
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Berta-Kunigunde ist eine fleißige kleine Spinne mit acht flinken Beinchen und einem sehr besonderen Herzen. Sie wohnt in einem alten Fachwerkhaus im Bergischen Land und merkt eines Tages: Man muss nicht alles so machen, wie es alle erwarten.

Viel Spaß mit dieser Gute-Nacht-Geschichte.

...

Im Bergischen Land stand ein kleines altes Fachwerkhaus.

Es hatte weiße Wände, dunkle Holzbalken, rote Fensterläden und ein schiefes Dach, auf dem manchmal der Regen trommelte wie kleine Finger auf einer Trommel.

Hinter dem Haus lag ein wilder Garten.

Dort wuchsen Brombeeren am Zaun.

Himbeeren hinter dem Schuppen.

Johannisbeeren neben der Regentonne.

Und ein alter Apfelbaum stand so krumm in der Wiese, als hätte er sich vor vielen Jahren einmal verbeugt und vergessen, wieder gerade zu werden.

In diesem Haus wohnte Berta-Kunigunde.

Berta-Kunigunde war eine kleine Spinne.

Sie hatte acht flinke Beine, zwei freundliche Augen und einen winzigen Punkt auf dem Rücken, der aussah wie ein Herz.

Jeden Morgen, wenn der Nebel noch zwischen den Hügeln lag, streckte Berta-Kunigunde ihre Beine aus, gähnte und sagte:

„Heute baue ich ein Netz.“

Denn so hatte sie es gelernt.

Spinnen bauten Netze.

Also baute auch Berta-Kunigunde Netze.

Am Montag baute sie ein Netz zwischen zwei Küchenkräutern auf der Fensterbank.

Am Dienstag baute sie ein Netz unter der Dachrinne.

Am Mittwoch baute sie ein Netz zwischen den Balken im alten Schuppen.

Am Donnerstag baute sie ein Netz im Apfelbaum.

Am Freitag baute sie ein Netz am Gartentor.

Am Samstag baute sie eins hinter der Regentonne.

Und am Sonntag baute sie ein besonders feines Sonntagsnetz, das im Morgenlicht glitzerte wie silberner Zucker.

Berta-Kunigunde war sehr fleißig.

Wirklich sehr fleißig.

Nur gab es ein kleines Problem.

Berta-Kunigunde brauchte ihre Netze eigentlich gar nicht.

Denn Berta-Kunigunde aß keine Fliegen.

Keine Mücken.

Keine Käfer.

Und schon gar keine Schmetterlinge.

„Nein, nein“, sagte sie immer, wenn jemand sie danach fragte. „Ich bin lieber Vegetarierin.“

Am liebsten aß sie Beeren.

Eine saftige Brombeere zum Frühstück.

Eine kleine Himbeere zum Mittag.

Und am Abend vielleicht eine Johannisbeere, wenn sie besonders mutig war.

Denn Johannisbeeren waren sauer.

Sehr sauer.

So sauer, dass Berta-Kunigunde danach immer ein bisschen die Beinchen schüttelte.

Eines Tages saß sie unter dem Dachbalken und betrachtete ihre vielen Netze.

Eins glitzerte im Fenster.

Eins flatterte am Schuppen.

Eins hing im Apfelbaum.

Eins spannte sich über den alten Gartenstuhl.

Und eins war aus Versehen quer über Papas Gummistiefel geraten.

Berta-Kunigunde seufzte.

„Was mache ich nur mit all den Netzen?“

Da kam Alma, die Amsel, auf die Fensterbank gehüpft.

„Warum seufzt du denn so, Berta-Kunigunde?“

„Ich baue jeden Tag ein Netz“, sagte Berta-Kunigunde. „Aber ich brauche sie gar nicht. Ich esse doch Beeren.“

Alma legte den Kopf schief.

„Dann baue doch keine Netze mehr.“

Berta-Kunigunde erschrak.

„Keine Netze mehr? Aber ich bin doch eine Spinne!“

„Ja“, sagte Alma. „Aber vielleicht bist du eine Spinne mit eigenen Ideen.“

Das war ein neuer Gedanke.

Ein sehr neuer Gedanke.

Berta-Kunigunde musste sich erst einmal auf einen Balken setzen, um ihn in Ruhe anzuschauen.

Am Nachmittag kroch sie in den Garten.

Dort saß Willi, der alte Gartenzwerg, unter den Brombeeren.

Er hatte eine grüne Jacke, eine rote Mütze und etwas Moos am Schuh.

„Guten Tag, Berta-Kunigunde“, sagte Willi. „Du siehst nachdenklich aus.“

„Ich habe zu viele Netze“, sagte Berta-Kunigunde. „Und ich weiß nicht, wozu sie gut sein sollen.“

Willi kratzte sich an der Mütze.

„Vielleicht fragst du nicht richtig.“

„Wie fragt man denn richtig?“

„Nicht: Wozu sind Netze da? Sondern: Wem könnten sie helfen?“

Berta-Kunigunde blinzelte.

Das war noch so ein neuer Gedanke.

Und dieser Gedanke kribbelte angenehm in allen acht Beinen.

Am nächsten Morgen baute Berta-Kunigunde wieder ein Netz.

Aber diesmal nicht einfach irgendwo.

Sie spannte ein feines Netz unter das Dach des alten Vogelhäuschens.

Nicht zum Fangen.

Sondern als Schutz.

Als kurz darauf ein Regenschauer kam, blieben die Sonnenblumenkerne darunter trocken.

Alma die Amsel hüpfte begeistert auf und ab.

„Das ist ja ein Regenschirmnetz!“

Berta-Kunigunde wurde ein bisschen rot.

So rot, wie eine Spinne eben werden kann.

Am Dienstag spannte sie ein Netz zwischen zwei Brombeerzweige.

Darin blieben die reifen Beeren liegen, die sonst auf den Boden gefallen wären.

Theo, die Maus, kam vorbei und staunte.

„Ein Beerenauffangnetz!“

„Damit nichts verloren geht“, sagte Berta-Kunigunde stolz.

Am Mittwoch baute sie ein Netz vor ein kleines Kellerfenster.

Nicht dicht.

Nur fein und luftig.

So konnte der Wind hinein, aber die welken Blätter blieben draußen.

Oma Lotte aus dem Fachwerkhaus öffnete später das Fenster und wunderte sich.

„Heute ist ja gar kein Laub im Keller“, murmelte sie.

Berta-Kunigunde saß hinter einem Balken und lächelte heimlich.

Am Donnerstag kam ein kleiner Marienkäfer angeflogen.

Er hieß Pünktchen und war sehr aufgeregt.

„Mein Kind ist müde und braucht eine sichere Hängematte!“

Berta-Kunigunde nickte.

Sie spannte ein weiches, zartes Netz zwischen zwei Lavendelstängel.

Darin schaukelte das kleine Marienkäferkind sanft hin und her.

„Das ist das schönste Schlafnetz der Welt“, flüsterte Pünktchen.

Berta-Kunigunde wurde warm ums Herz.

Am Freitag baute sie ein Netz über den Gartentisch.

Ganz fein.

Ganz hübsch.

Als am Abend die Sonne schien, glitzerte es so schön, dass die Kinder aus dem Haus stehen blieben.

„Schau mal“, sagte eines. „Das sieht aus wie ein kleiner Zauberhimmel.“

Berta-Kunigunde hielt vor Freude fast den Faden falsch herum.

Nun wusste sie endlich, was sie mit ihren Netzen machen konnte.

Sie konnte schützen.

Auffangen.

Schmücken.

Trösten.

Schatten machen.

Kleine Hängematten bauen.

Und manchmal einfach etwas Schönes in die Welt weben.

Am Samstagmorgen saß Berta-Kunigunde zwischen den Himbeeren und frühstückte.

Eine Himbeere war besonders groß.

Fast so groß wie ihr Bauch.

Sie knabberte vorsichtig daran und seufzte zufrieden.

Da kam Alma geflogen.

„Na, fleißige Berta-Kunigunde? Baust du heute wieder ein Netz?“

Berta-Kunigunde lächelte.

„Ja. Aber nicht, weil ich muss.“

Sie nahm einen neuen Faden und befestigte ihn an einem Brombeerzweig.

„Sondern weil ich eine Idee habe.“

Und dann baute sie ihr schönstes Netz.

Ein rundes Beerennetz.

Darin sammelten Alma, Theo, Pünktchen und Willi die Früchte des Gartens.

Brombeeren.

Himbeeren.

Johannisbeeren.

Und eine kleine Walderdbeere, die fast zu schade zum Essen war.

Am Abend saßen alle unter dem Apfelbaum.

Die Sonne sank hinter die bergischen Hügel.

Das Fachwerkhaus leuchtete warm im letzten Licht.

Berta-Kunigunde saß in ihrem Netz und naschte an einer Brombeere.

„Weißt du was?“, sagte sie leise.

„Was denn?“, fragte Alma.

„Ich glaube, ein Netz muss nicht immer das tun, wofür alle es kennen.“

Willi nickte zufrieden.

„Und eine Spinne auch nicht.“

Berta-Kunigunde schaute auf ihre acht Beine.

Dann auf den Garten.

Dann auf ihre Freunde.

Und sie wusste:

Sie war immer noch eine fleißige Spinne.

Nur eben auf ihre ganz eigene Art.

Als der Mond über dem alten Fachwerkhaus aufging, glitzerten ihre Netze im Garten.

Nicht wie Fallen.

Sondern wie kleine silberne Versprechen.

Hier wird geholfen.

Hier wird geteilt.

Hier darf jeder so sein, wie er ist.

Und Berta-Kunigunde schlief später satt und glücklich ein.

Mit Beerensaft an den Beinchen.

Und einer neuen Idee für morgen.

Hallo, ich bin Onkel Guido
… ich komme aus dem schönen Köln, bin selbst Vater und seit neustem auch Opa. :) Auf dieser Seite findest du Geschichten für Kinder und Erwachsene. Schön, dass du da bist!
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