

Manchmal sieht ein See aus, als würde er träumen.
Doch manchmal versteckt sich im Nebel auch ein kleines Zittern.
Viel Spaß mit dieser Gute Nacht Geschichte.
...
Am dritten Abend führte Mira die Herde zum Nebelsee.
Der Nebel lag wie Watte über dem Wasser.
Die Welt sah weich aus.
Die Geräusche waren gedämpft.
Sogar Huftritte klangen wie Flüstern.
Jaro mochte den Nebelsee.
Er machte die Gedanken langsam.
Tilli mochte den Nebelsee auch.
Weil der Nebel alles wie ein Geheimnis wirken ließ.
Als sie ans Ufer kamen, hörten sie ein leises Platschen.
Nicht fröhlich.
Eher nervös.
Mira blieb stehen.
Sie schaute ins Wasser.
Ein Schwan schwamm dort.
Der Schwan war groß.
Und doch wirkte er klein.
Weil er zitterte.
Jaro hob den Kopf.
„Was hat der Schwan.“
Der Schwan versuchte zu sprechen.
Aber Schwäne sprechen anders.
Er machte nur ein gepresstes Geräusch.
Dann tauchte er den Kopf kurz unter.
Als er wieder auftauchte, hing etwas an seinem Fuß.
Etwas Dunkles.
Eine Schnur.
Sie war im Schilf festgefangen.
Der Schwan konnte nicht richtig weg.
Er drehte sich immer im Kreis.
Tilli flüsterte.
„Der arme Schwan.“
Mira atmete ruhig.
„Wir helfen.“
Jaro schaute auf das Wasser.
„Aber wie.“
Mira blickte zum Schilf.
„Leise und gemeinsam.“
Die Herde trat näher ans Ufer.
Ganz vorsichtig.
Damit der Schwan nicht noch mehr Angst bekommt.
Mira ging zuerst.
Sie stellte die Vorderhufe auf festen Boden.
Dann beugte sie sich zum Wasser.
Der Schwan fauchte nicht.
Er war zu müde für Fauchen.
Er sah Mira nur an.
Mira sprach ruhig.
„Wir tun dir nichts.“
Der Schwan blinzelte.
Jaro trat neben Mira.
„Wir lösen das.“
Tilli suchte mit den Augen die Schnur.
Sie war zwischen Schilfhalmen verknotet.
Sie war dünn und gemein.
Da raschelte es hinter ihnen.
Im trockenen Gras.
Ein kleiner Fuchs stand dort.
Er hielt Abstand.
Er wirkte, als hätte er genau verstanden, was los ist.
Er setzte sich hin.
Er wartete.
Mira blieb ganz still.
Dann setzte Jaro seinen Huf vorsichtig ins flache Wasser.
Nur ein bisschen.
Das Wasser war kalt.
Jaro zuckte kurz.
Dann wurde er wieder ruhig.
Tilli machte große Augen.
„Jaro ist mutig.“
Mira flüsterte.
„Mut ist, wenn man langsam bleibt.“
Jaro beugte den Kopf.
Er schnupperte an der Schnur.
Er konnte sie nicht beißen.
Sie war zu weit unten.
Da kam Tilli auf eine Idee.
Tilli stupste das Schilf an.
Ganz leicht.
Das Schilf bewegte sich.
Die Schnur lockerte sich ein bisschen.
Mira drückte mit der Schulter gegen die Halme.
Noch ein Stück.
Noch ein Stück.
Der Schwan hielt still.
Er atmete schnell.
Aber er hielt still.
Jaro hob den Huf wieder aus dem Wasser.
Er stellte ihn auf den Boden.
Dann nahm er mit den Zähnen ein Ende der Schnur, das herausragte.
Ganz vorsichtig.
Er zog nicht stark.
Er zog nur so, dass es nicht weh tut.
Mira drückte weiter gegen das Schilf.
Tilli stupste weiter.
Und dann passierte es.
Die Schnur glitt frei.
Der Schwan war los.
Er schlug einmal mit den Flügeln.
Nicht um zu kämpfen.
Sondern um sich zu freuen.
Wasser spritzte.
Der Nebel schimmerte.
Der Schwan schwamm ein kleines Stück weg.
Dann drehte er um.
Er kam wieder näher.
Ganz langsam.
Er neigte den Kopf.
Als würde er sich bedanken.
Tilli lächelte.
„Er sagt Danke.“
Mira nickte.
„Er sagt Danke auf Schwanisch.“
Der kleine Fuchs machte ein leises Geräusch.
Vielleicht war es ein zufriedenes Schnaufen.
Dann trottete er am Ufer entlang und verschwand im Nebel.
Als wäre er selbst ein Stück Nebel geworden.
Die Herde blieb noch einen Moment am See.
Der Nebel wurde dünner.
Der Mond spiegelte sich im Wasser.
Mira legte sich ins Gras.
Jaro legte sich daneben.
Tilli kuschelte sich an Pino.
Der Schwan zog ruhig seine Kreise.
Und der Nebelsee träumte weiter.
Ganz sanft.
Ganz still.
So still, dass auch die Augen der Fohlen von alleine zufielen.

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Wir wünschen dir ganz viel Spaß beim Lesen oder Anhören.
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