

Nach dem Abenteuer mit dem Sternensand ist in der hellblauen Bucht wieder Ruhe eingekehrt. Doch am nächsten Morgen merkt Garnele Adele, dass die alte Leuchtmuschel zwar wunderschön leuchtet, aber ihr sanftes Abendlied nicht mehr singt. Gemeinsam mit ihren Freunden sucht Adele nach dem Grund und lernt, dass manchmal nicht Mut, sondern Zuhören das größte Geschenk ist.
Viel Spaß mit dieser Gute-Nacht-Geschichte.
...
Garnele Adele wachte auf, als ein Sonnenstrahl durch das Wasser tanzte.
Er kitzelte ihre Fühler.
Dann ihre Nase.
Dann ihre kleinen Garnelenbeinchen.
Adele blinzelte.
„Guten Morgen, Bucht“, murmelte sie verschlafen.
Vor ihrer Muschelwohnung schaukelte das Seegras langsam hin und her.
Der Sternensand glitzerte noch ein wenig vom Abend zuvor.
Nicht mehr so hell wie in der Nacht.
Aber genug, um den Meeresboden freundlich aussehen zu lassen.
Adele lächelte.
Gestern hatten sie Emil, dem kleinen Einsiedlerkrebs, geholfen.
Jetzt hatte er in seiner Höhle ein winziges Licht.
Und die Bucht hatte ihren Sternensand zurück.
Alles war gut.
Zumindest dachte Adele das.
Bis zum Abend.
Denn als die Sonne über dem Meer langsam müde wurde, passierte etwas Seltsames.
Die Leuchtmuschel begann wie immer zu leuchten.
Erst ganz schwach.
Dann warm und golden.
Ihr Licht floss über die Steine, über das Seegras und über die kleinen Schlafplätze der Fische.
Aber etwas fehlte.
Adele blieb vor der Leuchtmuschel stehen.
Sie legte den Kopf schief.
„Das klingt aber heute sehr still“, sagte sie.
Tilda, das Seepferdchen, kam herangeschwommen.
„Was meinst du?“
„Das Lied“, sagte Adele. „Das Abendlied der Leuchtmuschel.“
Tilda lauschte.
Oskar, der Oktopus, kam aus seiner Höhle und hielt sogar seine Teetasse still.
Bruno, der Kugelfisch, hörte ebenfalls zu.
So angestrengt, dass er vergaß zu blubbern.
Nichts.
Die Leuchtmuschel leuchtete.
Aber sie sang nicht.
Normalerweise summte sie jeden Abend ein ganz leises Lied.
Es war kein Lied mit richtigen Worten.
Eher ein weiches Klingen.
Wie Wasser, das über glatte Steine streicht.
Wie Mondlicht, das sich im Meer spiegelt.
Wie ein Schlaflied, das man nicht verstehen musste, um sich geborgen zu fühlen.
Heute aber blieb die Muschel stumm.
„Vielleicht ist sie heiser“, meinte Bruno.
Oskar sah ihn freundlich an.
„Muscheln werden nicht heiser, Bruno.“
„Schade“, sagte Bruno. „Dann hätte ich ihr Seetangtee empfohlen.“
Adele schwamm näher zur Muschel.
„Liebe Leuchtmuschel“, sagte sie vorsichtig. „Ist alles in Ordnung?“
Die Muschel antwortete nicht.
Ihr goldenes Licht flackerte nur ein kleines bisschen.
Adele spürte, dass etwas nicht stimmte.
Nicht schlimm.
Aber traurig.
„Vielleicht fehlt ihr etwas“, sagte Tilda.
„Oder jemand“, murmelte Oskar.
Adele schaute auf.
„Jemand?“
Oskar nickte langsam.
„Die Leuchtmuschel ist sehr alt. Vielleicht erinnert sie sich an etwas.“
Bruno sah sich um.
„Wie findet man denn eine Erinnerung?“
Adele dachte nach.
Dann bemerkte sie etwas.
Neben der Leuchtmuschel lag ein winziger silberner Splitter.
Er war so klein, dass Oskar ihn niemals gesehen hätte.
Adele aber sah ihn sofort.
Sie hob ihn vorsichtig mit ihren kleinen Beinchen auf.
„Was ist das?“
Tilda kam näher.
„Das sieht aus wie ein Stück Perlenglanz.“
Oskar wurde ganz still.
„Früher“, sagte er langsam, „gab es hier nicht nur eine Leuchtmuschel.“
Adele sah ihn überrascht an.
„Nicht?“
Oskar schüttelte den Kopf.
„Nein. Es gab zwei. Eine leuchtete golden. Die andere schimmerte silbern. Zusammen sangen sie jeden Abend das Muschellied.“
Bruno riss die Augen auf.
„Und wo ist die silberne Muschel?“
Oskar schaute zur dunkleren Seite der Bucht.
Dort, wo die Felsen enger standen und das Wasser kühler wurde.
„Sie wurde vor langer Zeit von einer Strömung fortgetragen. Vielleicht liegt sie irgendwo in der stillen Felsspalte.“
Tilda schluckte.
„Dort war ich noch nie.“
Bruno wurde ein kleines bisschen runder.
„Ich auch nicht. Und ich habe gerade beschlossen, dass das ein sehr vernünftiges Leben war.“
Adele sah zur Leuchtmuschel.
Ihr Licht war schön.
Aber einsam.
„Dann suchen wir die silberne Muschel“, sagte Adele.
Es war ganz ruhig.
Dann nickte Tilda.
„Gemeinsam.“
Oskar stellte seine Teetasse ab.
„Gemeinsam.“
Bruno atmete tief durch.
„Gemeinsam klingt wie immer deutlich besser als alleine.“
Also machten sie sich auf den Weg.
Die stille Felsspalte lag hinter dem Seegraswald.
Dort war das Wasser dunkler.
Nicht unheimlich.
Aber leise.
Sehr leise.
Adele schwamm vorneweg.
Ihre Fühler tasteten vorsichtig durch das Wasser.
Hinter ihr glitt Tilda.
Oskar bewegte sich langsam über die Steine.
Bruno blieb dicht bei ihnen.
„Ich bin nicht ängstlich“, flüsterte er. „Ich spare nur Mut.“
Adele lächelte.
Dann hörte sie etwas.
Ganz leise.
Ein dünnes Klingen.
Fast wie ein Seufzen.
„Habt ihr das gehört?“, fragte sie.
Alle blieben stehen.
Da war es wieder.
Kling.
Kling.
Adele folgte dem Ton.
Zwischen zwei dunklen Felsen entdeckte sie eine kleine Höhle.
Darin lag eine silberne Muschel.
Sie war mit Sand bedeckt.
Ein Stück Tang hing über ihr.
Und sie schimmerte nur noch ganz schwach.
Adele schwamm näher.
„Hallo“, flüsterte sie.
Die silberne Muschel klang einmal leise.
Kling.
Es war kein trauriger Ton.
Eher ein müder.
Oskar räumte vorsichtig Steine beiseite.
Tilda löste den Tang.
Bruno pustete ganz sanft den Sand fort.
Und Adele kroch zu der kleinsten Stelle, wo sich ein winziger Stein zwischen die Muschelschalen geklemmt hatte.
„Ich glaube, das tut ihr weh“, sagte Adele.
Mit größter Vorsicht schob sie den Stein heraus.
Da öffnete sich die silberne Muschel ein kleines Stück.
Ein weiches silbernes Licht strömte heraus.
Nicht so warm wie das goldene Licht.
Eher kühl und ruhig.
Wie Mondschein.
„Da bist du ja“, sagte Adele.
Die silberne Muschel sang einen Ton.
Diesmal klarer.
Tilda lächelte.
„Wir bringen dich nach Hause.“
Gemeinsam schoben, trugen und begleiteten sie die silberne Muschel zurück zur Bucht.
Es dauerte eine ganze Weile.
Bruno schnaufte.
Oskar zählte seine Arme, damit keiner durcheinanderkam.
Tilda summte leise.
Und Adele schwamm neben der silbernen Muschel her, damit sie sich nicht alleine fühlte.
Als sie zurückkamen, leuchtete die goldene Muschel auf.
Heller als zuvor.
Die silberne Muschel wurde neben sie gelegt.
Einen Augenblick geschah nichts.
Dann sang die goldene Muschel einen warmen Ton.
Die silberne Muschel antwortete mit einem hellen Ton.
Und plötzlich war es wieder da.
Das Muschellied.
Weich.
Sanft.
Friedlich.
Es breitete sich über die ganze Bucht aus.
Die kleinen Fische kamen aus ihren Verstecken.
Emil, der Einsiedlerkrebs, schaute aus seiner Höhle.
Die alte Krabbe setzte sich auf ihren Lieblingsstein.
Sogar das Seegras schien langsamer zu schaukeln, damit es besser zuhören konnte.
Adele spürte, wie das Lied durch ihre kleine Garnelenbrust zog.
Es sagte nicht:
Sei groß.
Es sagte nicht:
Sei stark.
Es sagte:
Du bist da.
Und das ist schön.
Bruno schniefte leise.
„Ich glaube, mir ist eine Wasserblase ins Gefühl geraten.“
Tilda lachte sanft.
Oskar legte einen Arm um Adele.
„Du hast heute nicht nur eine Muschel gefunden“, sagte er. „Du hast ein Lied zurückgebracht.“
Adele wurde ganz warm.
„Ich habe nur hingehört.“
„Manchmal“, sagte Tilda, „ist genau das das Wichtigste.“
Später lag Adele in ihrer Muschelwohnung.
Draußen leuchteten die goldene und die silberne Muschel nebeneinander.
Der Sternensand funkelte.
Das Seegras wiegte sich.
Und das Muschellied summte leise durch die Bucht.
Adele schloss die Augen.
Sie dachte an Emils kleines Licht.
An die Sternensandkörnchen.
An die silberne Muschel.
Und daran, dass man manchmal die schönsten Dinge findet, wenn man ganz still wird und zuhört.
Dann schlief Garnele Adele ein.
Mit einem Lächeln.
Und tief unten im Meer sangen zwei Muscheln die ganze Bucht in eine friedliche Nacht.

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Wir wünschen dir ganz viel Spaß beim Lesen oder Anhören.
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