Garnele Adele & der verlorene Sternensand

Onkel Guido
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Garnele Adele & der verlorene Sternensand
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Seit Garnele Adele die Leuchtmuschel gerettet hatte, fühlte sie sich in der hellblauen Bucht ein kleines bisschen mutiger. Doch eines Abends geschieht etwas Seltsames: Der Sternensand, der den Meeresboden nachts sanft glitzern lässt, ist verschwunden. Adele macht sich mit ihren Freunden auf die Suche und entdeckt, dass Mut manchmal ganz leise beginnt.

Viel Spaß mit dieser Gute-Nacht-Geschichte.

...

Garnele Adele saß vor ihrer kleinen Muschelwohnung und betrachtete den Meeresboden.

Normalerweise funkelte der Sand am Abend ganz sanft.

Nicht hell.

Nicht grell.

Sondern so, als hätten die Sterne am Himmel ein paar winzige Körnchen nach unten ins Meer geschickt.

Adele liebte dieses Funkeln.

Wenn sie abends müde wurde, zählte sie manchmal die glitzernden Punkte im Sand.

Eins.

Zwei.

Drei.

Meistens schlief sie schon bei acht ein.

Doch heute war alles anders.

Der Sand war dunkel.

Nicht gefährlich dunkel.

Aber eben ohne Funkeln.

Adele legte den Kopf schief.

„Das ist komisch“, murmelte sie.

In diesem Moment schwamm Tilda, das Seepferdchen, vorbei.

Sie bewegte sich wie ein kleines goldenes Blättchen im Wasser.

„Guten Abend, Adele“, sagte sie freundlich.

Dann blieb sie stehen.

„Oh. Der Sternensand glitzert ja gar nicht.“

Adele nickte.

„Genau das habe ich auch gerade bemerkt.“

Kurz darauf kam Bruno, der Kugelfisch, herangeschwebt.

Er hatte ein Stück Seegras auf dem Kopf, weil er wohl unterwegs durch eine Pflanze geschwommen war, ohne es zu merken.

„Warum schaut ihr so ernst?“, fragte er.

„Der Sternensand ist verschwunden“, sagte Tilda.

Bruno sah nach unten.

Dann sah er nach links.

Dann nach rechts.

„Tatsächlich“, sagte er. „Das ist nicht gut. Ohne Sternensand sieht die Bucht abends aus wie Suppe ohne Glitzer.“

Adele musste lächeln.

Bruno konnte einfach nicht anders.

Selbst wenn etwas seltsam war, sagte er es so, dass man sich ein bisschen besser fühlte.

Da kam auch Oskar, der freundliche Oktopus, aus seiner gemütlichen Höhle.

Er trug eine kleine Muschelschale in einem seiner Arme.

„Ich wollte gerade meinen Abendtee trinken“, sagte er. „Aber irgendwie wirkt die Bucht heute so still.“

„Der Sternensand fehlt“, erklärte Adele.

Oskar sah auf den Boden.

Seine Stirn legte sich in viele kleine Falten.

„Dann sollten wir herausfinden, wo er geblieben ist.“

Adele spürte ein leises Kribbeln in ihren Fühlern.

Früher hätte sie sich vielleicht hinter einem Stein versteckt.

Aber seit der Sache mit der Leuchtmuschel wusste sie:

Auch kleine Garnelen können helfen.

„Ich suche mit“, sagte sie.

„Natürlich“, meinte Tilda. „Du siehst Dinge, die wir anderen übersehen.“

Das machte Adele warm ums Herz.

Die vier Freunde schwammen los.

Zuerst suchten sie rund um die Leuchtmuschel.

Die Muschel stand wieder auf ihrem flachen Stein und leuchtete weich und golden.

„Hast du den Sternensand gesehen?“, fragte Adele.

Die Leuchtmuschel antwortete nicht mit Worten.

Aber ihr Licht flackerte einmal sanft.

So machte sie das, wenn sie nachdachte.

Dann warf sie einen hellen Strahl in Richtung Seegraswald.

„Vielleicht dort?“, fragte Bruno.

Oskar nickte.

„Dann zum Seegraswald.“

Der Seegraswald lag am Rand der Bucht.

Dort waren die Halme so hoch, dass selbst Oskar manchmal nur noch seine Augen darüberstrecken konnte.

Adele schwamm voran.

Zwischen den Halmen glitten kleine Fische müde nach Hause.

Eine alte Krabbe saß auf einem Stein und kämmte sich mit einer Schere den Panzer.

„Guten Abend“, sagte Adele höflich.

„Guten Abend, kleine Adele“, brummte die Krabbe. „Was führt euch denn so spät hierher?“

„Wir suchen den Sternensand“, sagte Adele. „Er glitzert nicht mehr.“

Die Krabbe kratzte sich nachdenklich am Kopf.

„Hm. Ich habe vorhin etwas Funkelndes davontreiben sehen. Es wurde von einer kleinen Strömung mitgenommen.“

„Wohin?“, fragte Tilda.

Die Krabbe zeigte mit ihrer Schere in eine schmale Rinne zwischen zwei Felsen.

„Dorthin. Zur Mondmulde.“

Bruno machte große Augen.

„Zur Mondmulde? Ist es dort nicht sehr dunkel?“

„Ein bisschen“, sagte Oskar.

„Ein bisschen sehr“, murmelte Bruno.

Adele sah zur Felsrinne.

Sie war schmal.

Dunkelblau.

Und ein wenig geheimnisvoll.

Aber irgendwo dort war vielleicht der Sternensand.

„Wir gehen zusammen“, sagte Adele.

Bruno atmete aus.

„Zusammen klingt besser als alleine.“

Also schwammen sie hintereinander durch die Felsrinne.

Oskar musste seine Arme ganz eng an sich ziehen.

Tilda glitt vorsichtig hindurch.

Bruno passte gerade so.

Und Adele?

Adele huschte mühelos voran.

Am Ende der Rinne öffnete sich eine kleine Mulde im Meeresboden.

Die Mondmulde.

Über ihr fiel durch das Wasser ein schmaler silberner Lichtschein.

Und dort sahen sie es.

Der Sternensand lag in einer großen glitzernden Wolke am Boden.

Aber er war nicht mehr verteilt.

Er hatte sich in einer Kuhle gesammelt.

Neben der Kuhle saß ein winziger Einsiedlerkrebs.

Er hielt eine kleine Muschelschaufel in seinen Scheren und sah ziemlich erschrocken aus.

„Oh“, sagte er leise.

Adele schwamm näher.

„Hallo. Ich bin Adele.“

Der Einsiedlerkrebs versteckte sich halb in seinem Häuschen.

„Ich bin Emil“, flüsterte er.

„Hast du den Sternensand hierhergebracht?“, fragte Tilda freundlich.

Emil nickte ganz langsam.

„Ich wollte nichts Schlimmes tun.“

Oskar setzte sich behutsam auf den Sand.

„Erzähl es uns.“

Emil sah auf seine kleinen Scheren.

„In meiner Höhle ist es nachts so dunkel. Ich wollte nur ein bisschen Sternensand holen, damit ich mich nicht mehr fürchte. Aber dann kam die Strömung, und plötzlich war ganz viel Sternensand hier. Viel mehr, als ich wollte.“

Bruno blinzelte.

„Du hattest Angst im Dunkeln?“

Emil nickte.

„Ein bisschen.“

„Ich auch manchmal“, gab Bruno zu. „Aber sag das bitte nicht den Seegurken.“

Adele lächelte.

Dann schaute sie auf den Sternensand.

„Wir bringen ihn zurück“, sagte sie. „Und für deine Höhle finden wir eine andere Lösung.“

„Wirklich?“, fragte Emil.

„Natürlich“, sagte Tilda.

Gemeinsam machten sie sich an die Arbeit.

Oskar nahm vier Muschelschalen und füllte sie vorsichtig.

Tilda trug kleine glitzernde Körnchen in einer Seetangschlinge.

Bruno pustete ganz, ganz sanft, damit der Sand nicht wieder davonwirbelte.

Und Adele kroch zwischen den Steinen entlang, um auch die kleinsten Sternensandkörnchen einzusammeln.

Emil half ebenfalls.

Er war immer noch schüchtern.

Aber mit jedem Körnchen wurde sein Blick heller.

Als sie zurück in die Bucht kamen, verteilten sie den Sternensand wieder über den Meeresboden.

Erst funkelte nur ein kleiner Fleck.

Dann ein zweiter.

Dann ein dritter.

Und plötzlich schimmerte die ganze Bucht wieder.

Die kleinen Fische kamen aus ihren Schlafverstecken und staunten.

Die alte Krabbe nickte zufrieden.

Die Leuchtmuschel strahlte noch ein bisschen wärmer.

Adele nahm ein winziges Körnchen Sternensand und legte es in eine kleine leere Perlmuschel.

Dann schob sie die Perlmuschel zu Emil.

„Die kannst du in deine Höhle stellen“, sagte sie. „Sie leuchtet nicht zu hell. Nur so, dass die Dunkelheit freundlich aussieht.“

Emil sah sie an.

„Danke, Adele.“

„Gern“, sagte Adele.

Bruno beugte sich zu Emil hinunter.

„Und wenn du dich doch mal fürchtest, komm einfach zu uns. Ich kann sehr gut Gesellschaft leisten.“

„Und sehr gut schnarchen“, sagte Tilda.

Alle lachten.

Sogar Emil.

Später, als die Bucht wieder ruhig wurde, saß Adele vor ihrer Muschelwohnung.

Der Sternensand funkelte unter ihr.

Die Leuchtmuschel leuchtete nebenan.

Und irgendwo in der Mondmulde hatte Emil nun ein kleines, freundliches Licht.

Adele zählte die glitzernden Punkte im Sand.

Eins.

Zwei.

Drei.

Bei sieben musste sie gähnen.

Bei acht kuschelte sie sich in ihr Muschelbett.

Und kurz bevor sie einschlief, dachte sie:

Manchmal verschwindet ein Funkeln nicht, weil jemand böse ist.

Manchmal braucht jemand einfach ein bisschen Licht.

Dann lächelte Adele.

Draußen wiegte das Seegras leise hin und her.

Die Bucht funkelte.

Und Garnele Adele träumte von Sternensand, neuen Freunden und einem Meer, in dem niemand im Dunkeln allein sein musste.

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