

Manchmal fühlt man sich anders als alle anderen.
So ging es dem kleinen Fisch Blublu, der zwischen seinen bunten Geschwistern fast ein bisschen farblos aussah.
Doch seine verrückte Tante Blibli wusste einen Rat.
Vielleicht musste Blublu sich nur einmal dorthin trauen, wo das Licht heller war.
Viel Spaß mit dieser Gute-Nacht-Geschichte.
...
Tief unten im warmen, blauen Meer lebte ein kleiner Fisch namens Blublu.
Er wohnte mit seiner Familie in einer gemütlichen Korallenhöhle.
Dort gab es weiches Seegras, runde Muscheln und bunte Korallen, die aussahen wie kleine Unterwasserblumen.
Blublus Geschwister waren wunderschön bunt.
Seine Schwester Flimmi glitzerte gelb wie ein Sonnenstrahl.
Sein Bruder Platsch leuchtete rot wie eine Erdbeere.
Die kleine Lilli schimmerte lila, wenn sie lachte.
Nur Blublu sah anders aus.
Er war nicht gelb.
Er war nicht rot.
Er war nicht lila.
Blublu war ein bisschen grau.
Ein bisschen hellblau.
Und manchmal fast durchsichtig.
Wenn alle zusammen durch das Riff schwammen, fühlte Blublu sich oft, als würde ihn niemand richtig sehen.
Eines Morgens rief Platsch: „Kommt, wir spielen Farbenfangen!“
Alle kleinen Fische sausten los.
Flimmi flitzte wie ein goldener Blitz durch das Wasser.
Lilli drehte sich in einem lila Kreis.
Platsch schwamm so schnell, dass kleine Bläschen hinter ihm hertanzten.
Blublu schwamm hinterher.
Er gab sich Mühe.
Er schlug mit seiner Schwanzflosse.
Er machte einen Bogen um eine Muschel.
Er tauchte unter einem Seegrasbogen hindurch.
Doch dann hörte er zwei kleine Seepferdchen kichern.
„War da gerade jemand?“, fragte das eine.
„Ich habe fast nichts gesehen“, sagte das andere.
Blublu blieb stehen.
Sein kleines Fischherz wurde schwer.
Langsam schwamm er zurück zur Korallenhöhle.
Dort setzte er sich auf einen weichen Schwamm und seufzte.
Blubb.
Blubb.
Blubb.
Drei traurige Luftblasen stiegen nach oben.
„Na, wer blubbert denn hier so betrübt?“, fragte plötzlich eine Stimme.
Blublu hob den Kopf.
Vor ihm stand Tante Blibli.
Tante Blibli war der verrückteste Fisch im ganzen Riff.
Sie trug eine Kette aus winzigen Muscheln.
In ihrer Schwanzflosse steckte ein Stück Seegras wie eine Schleife.
Und sie behauptete, sie habe einmal mit einem Wal Verstecken gespielt und gewonnen.
„Hallo, Tante Blibli“, sagte Blublu leise.
Tante Blibli setzte sich neben ihn auf den Schwamm.
Der Schwamm wackelte.
Tante Blibli wackelte auch.
Blublu musste fast lachen.
Aber nur fast.
„Was ist denn los, mein kleiner Blubberstern?“, fragte Tante Blibli.
Blublu schaute traurig auf seine Schuppen.
„Alle sind bunt“, sagte er.
„Flimmi ist gelb.“
„Platsch ist rot.“
„Lilli ist lila.“
„Und ich bin nur Blublu.“
Tante Blibli legte den Kopf schief.
„Nur Blublu?“
Blublu nickte.
„Ich bin so farblos.“
Tante Blibli pustete eine kleine Luftblase aus der Nase.
Sie sah aus wie ein Ring.
„Farblos?“, sagte sie.
„Dieses Problem kenne ich.“
Blublu sah überrascht auf.
„Wirklich?“
„Natürlich“, sagte Tante Blibli.
„Ich kannte einmal einen Fisch, der dachte, er sei ein Stück Treibholz.“
„War er denn ein Stück Treibholz?“, fragte Blublu.
„Nein“, sagte Tante Blibli ernst.
„Er war ein Hering.“
Blublu kicherte.
Tante Blibli zwinkerte.
„Und weißt du, was ihm geholfen hat?“
Blublu schüttelte den Kopf.
„Er ist nach oben geschwommen.“
Blublu schaute erschrocken zur Wasseroberfläche.
Ganz weit über ihm war das Meer heller.
Dort tanzten silberne Lichtstreifen.
„Nach oben?“, fragte Blublu.
„Ja“, sagte Tante Blibli.
„Je näher du an die Wasseroberfläche kommst, desto mehr Sonnenlicht fällt auf deine Schuppen.“
„Und dann?“
„Dann sieht man Farben, die hier unten im Dunkelblau verborgen bleiben.“
Blublu wurde ganz still.
Er hatte sich noch nie weit nach oben getraut.
„Ist das gefährlich?“, fragte er.
„Nicht, wenn wir langsam schwimmen“, sagte Tante Blibli.
„Wir bleiben zusammen.“
„Und ich passe auf dich auf.“
Blublu atmete tief ein.
Dann nickte er.
„Gut“, sagte er.
„Dann probiere ich es.“
Tante Blibli lächelte.
„Komm, kleiner Blubberstern.“
„Wir besuchen die Sonne von unten.“
Langsam schwammen sie los.
Sie glitten an der Korallenhöhle vorbei.
Sie schwammen über die Seegraswiese.
Ein alter Krebs hob die Schere.
„Wohin geht die Reise?“, fragte er.
„Zur Sonne von unten!“, rief Tante Blibli.
Der Krebs nickte, als wäre das die vernünftigste Antwort der Welt.
Blublu schwamm dicht neben Tante Blibli.
Je höher sie kamen, desto heller wurde das Wasser.
Unten war es dunkelblau gewesen.
Jetzt wurde es türkis.
Dann hellblau.
Dann fast golden.
Überall tanzten Lichtkringel.
Sie hüpften über Steine.
Sie flimmerten auf Muscheln.
Sie glitzerten auf Tante Bliblis Muschelkette.
„Schau mal an dir herunter“, sagte Tante Blibli sanft.
Blublu blieb stehen.
Zuerst sah er nichts Besonderes.
Doch dann bemerkte er einen kleinen silbernen Streifen an seiner Seite.
Er drehte sich ein wenig.
Der Streifen wurde heller.
Dann kam ein zarter blauer Glanz dazu.
Und plötzlich schimmerte seine Schwanzflosse grünlich, silbern und ein bisschen wie Perlmutt.
Blublu riss die Augen auf.
„Tante Blibli“, flüsterte er.
„Ich glänze.“
„Natürlich glänzt du“, sagte Tante Blibli.
„Du hast nur vorher im falschen Licht nach dir gesucht.“
Blublu schwamm noch ein kleines Stück höher.
Die Sonne malte helle Wellen auf seinen Rücken.
Seine Schuppen waren nicht mehr grau.
Sie leuchteten blau.
Sie funkelten silbern.
Und wenn er sich drehte, blitzte sogar ein winziger Regenbogen an seiner Schwanzflosse auf.
„Das bin ich?“, fragte Blublu leise.
„Das bist du“, sagte Tante Blibli.
„Nicht neu.“
„Nicht anders.“
„Nur besser beleuchtet.“
Da musste Blublu lachen.
Viele fröhliche Blasen stiegen aus seinem Mund.
Blubb.
Blubb.
Blubb.
Diesmal klangen sie nicht traurig.
Sie klangen wie kleine Unterwasserglocken.
In diesem Moment kamen seine Geschwister herbeigeschwommen.
„Blublu!“, rief Flimmi.
„Da bist du ja!“
Platsch blieb mitten im Wasser stehen.
„Wow“, sagte er.
„Du siehst aus wie Mondlicht im Meer.“
Lilli schwamm einmal um ihn herum.
„Und deine Schwanzflosse glitzert!“
Blublu wurde ein bisschen verlegen.
Aber er freute sich.
„Ich wusste gar nicht, dass ich so aussehe“, sagte er.
Tante Blibli nickte weise.
„Manche Farben sieht man erst, wenn man ihnen genug Licht schenkt.“
Alle kleinen Fische wurden still.
Dann sagte Flimmi: „Kommst du wieder mit uns spielen?“
Blublu nickte.
„Ja.“
„Aber können wir ein neues Spiel spielen?“
„Welches denn?“, fragte Platsch.
Blublu schaute zur Wasseroberfläche.
Dort tanzte die Sonne auf den Wellen.
„Lichtfangen“, sagte er.
Alle fanden die Idee wunderbar.
Sie schwammen durch helle Streifen.
Sie jagten goldene Punkte.
Sie drehten sich in Sonnenkringeln.
Und jedes Mal, wenn Blublu durch das Licht schwamm, schimmerte er ein wenig anders.
Mal blau.
Mal silbern.
Mal grün.
Mal fast golden.
Am Abend kehrten alle zur Korallenhöhle zurück.
Das Meer wurde ruhiger.
Die Seegraswiese wiegte sich langsam hin und her.
Blublu kuschelte sich in sein kleines Muschelbett.
Seine Geschwister schliefen schon fast.
Nur Lilli flüsterte noch: „Blublu?“
„Ja?“, flüsterte Blublu zurück.
„Morgen spielen wir wieder Lichtfangen, ja?“
Blublu lächelte im Dunkeln.
„Ja“, sagte er.
„Aber nur, wenn Tante Blibli auch mitspielt.“
Aus der Nachbarhöhle hörte man Tante Blibli rufen: „Ich habe alles gehört!“
Alle kicherten leise.
Dann wurde es still im Riff.
Der Mond schien von oben auf das Meer.
Ein paar silberne Strahlen sanken tief hinab bis zur Korallenhöhle.
Und für einen winzigen Moment schimmerte Blublus Schwanzflosse sogar im Schlaf.
Ganz zart.
Ganz friedlich.
Ganz Blublu.
Denn manchmal ist man nicht weniger schön als die anderen.
Manchmal braucht man nur das richtige Licht.
Und jemanden, der sagt:
„Komm, ich zeige dir, wie bunt du wirklich bist.“

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Wir wünschen dir ganz viel Spaß beim Lesen oder Anhören.
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